Bibliodrama


Seit Anbeginn ist der Mensch auf der Suche nach dem Sinn des Daseins, nach dem “Höheren”, wie ein Durstiger nach Wasser. Er hat hierfür entsprechend seinem Umfeld Rituale entworfen. In dieser ritualen Suche nach Transzendenz wirken Kult und dramatisches Spiel zusammen, das Umschreiten von Feuer in immer neuen Spielformen, bald das Tanzen und die Musik an geweihten Orten. Zu Ehren der Gottheiten wurden immer neue Spiele erdacht.


Auch im Psalter treffen wir auf Anregungen und Impulse zum Singen, Musizieren, Spielen und Tanzen; die Grundstruktur vieler Psalme trägt spielerische Merkmale: Anrufe und Echo, Frage und Antworten, Rede und Gegenrede.


Das menschliche Dasein und die Beziehung zu Gott ist eng mit der Erfahrung des dramatischen Spiels verbunden; “ Leben ist Spiel” (Matthias Schulz).


Schon Aristoteles erkannte, daß das Drama nicht nur dem Auge und dem Ohr eine Vorstellung liefern soll, sondern die Tragödie soll Furcht und Mitleid und so eine Katharsis, eine innere Reinigung, auf der Suche nach dem Göttlichen, bewirken. In Anlehnung an die aristotelische These von der reinigenden Wirkung der Tragödie bezeichnen Freud und Breuer ihre Behandlungsmethoden als katharsische Methode.


Kult und Spiel dreht sich um die zentrale Frage des Menschseins, die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens. Dies ist eine religiöse Frage, deren Beantwortung der inneren Erfüllung dient. C.G.Jung erkannte: “Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, (...), ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre”.


Im psychodramatischen Bibliodrama (Die Entwicklung des Psychodramas ist eng mit dem Wiener Arzt Jakob Levy Moreno verbunden; Begegnung, Stegreifspiel,Handeln) wird im dramatischen Spiel durch Rollenübernahme ein biblischer Text verlebendigt, Vergangenes und Gegenwärtiges werden zeitgleich,  es verbinden sich Alltags- und Gotteserfahrungen.


Die “dramatische” Suche nach Gott im Wandel der Zeit, das Zusammenspiel von Kult und Spiel:

 

•    Das griechische Theater (Dionysos Kult, ca.8.Jh.v.Chr)
•    Germanische Ritualtänze
•    Ludus de Antichristo (um 1100)
•    Franziskanisches Krippenspiel (1223)
•    Jesuitendrama (Gegenreformation)
•    Oster- und Passionsspiele (12./13. Jh)
•    Flagellantentum (1260)
•    Gralsspiele (um 1920)
•    Theater der Unterdrückten (Augusto Boal, um 1950/60)


(...)

 

Seit Aristoteles ist der Mensch auf der “dramatischen” Suche nach Gott und sich selbst, diese Suche des Menschen bleibt, Bibliodrama ist eine Station auf diesem Weg!

“Die Wahrheit der Schrift und die Wahrheit der Seele durch Handeln ergründen!”
(Helmut Kreller)

Im Bibliodrama wird ein biblischer Text, der weit zurückliegende Erfahrungen gespeichert hat, durch Einfühlung, Körperarbeit, kreatives Arbeiten und Rollenspiel verlebendigt. Vergangenes und Gegenwärtiges wird zeitgleich, es verbinden sich Lebens-und Gotteserfahrungen. Bibliodrama schafft einen Zugang zu den im biblischen Text enthaltenen existenziellen Erfahrungen; reflektorisch werden diese mit der eigenen Lebensgeschichte in Verbindung gebracht; “Heiliger Text” und “Lebenstext” begegnen sich.

Wir leben in einer Zeit, in der der Umgang mit der Bibel nicht mehr selbstverständlich ist. Trotzdem kann man bei den Menschen unserer Zeit eine Suche nach Spiritualität, nach Antworten auf existenzielle Fragen erkennen (Sekten, Ostreligionen usw.)


Bibliodrama versammelt Menschen zu einem Thema (und einen biblischen Text). Mit Hilfe des Textes wird die Wahrheit des Textes und die Wahrheit der Seele (Lebenswirklichkeit) zusammengeführt. Im Text gespeicherte Erfahrungen werden mit dem Heute in Verbindung gebracht. Das Bibliodrama kann Hinführung, Anstoß zur Ganzheit, Heilung, Versöhnung und Umkehr sein.

 

„Imagination ist Wirklichkeit“
 
„Verbindung von Wort und Tat“
 
„Die Geschichte lebt“

 

DAS Bibliodrama gibt es nicht, unter dieser Bezeichnung gibt es in der Praxis und in der Literatur verschiedene Ansätze, jeweils abhängig von der Persönlichkeit, der Qualifikation, dem Interesse, der religiösen Position und dem Umfeld des Bibliodramatikers.


Gegenwärtig stehen drei Ansätze im Vordergrund:

 

  • Die erste Richtung steht in der Tradition des Psychodramas und der nahestehenden Gestalttherapie/-pädagogik (Hier wird der Selbsterfahrungsaspekt am stärksten betont)
  • Eine zweite Richtung bevorzugt methodisch die Körperarbeit, in der die Selbsterfahrung zwar mitenthalten ist, aber in geringerem Maß reflektiert wird
  • Eine dritte Variante entwickelte sich aus der Spiel- und Theaterpädagogik

 
Heike Radeck beschreibt in ihrem Buch die Ansätze gegenwärtiger Bibliodramaarbeit wie folgt:


a) Die „Mimesis“-Arbeit nach Samuel Laeuchli

Samuel Laeuchli weist auf das Unfassbare der Texte, die schockierenden Aussagen über Gott, Mensch und Welt, auf die Brutalität und das Dunkel, die in ihnen zum Ausdruck kommen, hin und betont die Fortsetzung dieser Tragik bis in die gegenwärtige Welt hinein. Mimesis bedeutet eine Re-Inszenierung des Mythos, ein Versuch die Tradition gerade auch in den „Schattenseiten“ zu erfassen. In der Kombination von Ritual und Drama verscht er der Tragik der Traditionen zu begegnen; die Dunkelheit der Texte zu berühren, bedeutet in ihr Zentrum einzudringen
 
b) Der leibhaftig-geistige Übungsweg nach Heidemarie Langer.
Sie betont das Wechselspiel bei dem Zusammentreffen von Text und Teilnehmern. Es ist der biographische Erfahrungshorizont des einzelnen, der einen Zugang zum Text eröffnet. Von Seiten des Textes sind es die menschlichen Grundthemen, die etwas bewirken. Der Text bewegt Motive in uns, die so alt sind wie die Menschen selbst
 
c) Die amplifikatorisch-biographische Textinterpretation nach Tim Schramm.
Schramms bibliodramatischer Ansatz ist geprägt durch das Verfahren der themenzentrierten Interaktion (TZI). Konstitutiv für die Dynamik im Bibliodrama ist damit das (dynamische) Gleichgewicht zwischen dem Individuum, dem „wir“ der Gesamtgruppe und dem Thema (Text). Im Blick auf den Text heißt das Verlangsamung und das Aushalten der Spannung zwischen Nähe und Distanz (Der Text als fremder Gast, der in den Kreis der Teilnehmer tritt)
 
„Was auf der Bühne dargestellt wird ist lebendig und voller Atem, was man nur liest, ist bloß Gerippe...“
Nikolaus Avancini, Jesuit (1611-86)
 
“Leben ist Spiel” 

Pfr. Matthias Schulz
 
“Das Leben ist die Summe von Rollen, die wir spielen”

Pfr. Helmut Kreller

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