Psychodrama


Psychodrama ist eine besondere Form des Rollenspieles. Psychodrama arbeitet (meist) mit Gruppen. Aus der Gruppe heraus findet sich ein Protagonist, der zur Hauptperson der jeweiligen Sitzung wird. Der Protagonist drückt sein Problem im Handeln aus, anstatt darüber “nur zu reden”. Der Gründervater des Psychodramas ist Moreno, im nachfolgenden Aufsatz finden Sie die Grundlagen und die Zielrichtung der Weltanschauung von Moreno und damit Grundlagen des Psychodramas

Menschen- und Gottesbild bei Moreno

I. Moreno, der Vater des Psychodramas, kurz betrachtet

Das Psychodrama wurde von dem ARZT und KÜNSTLER Jakob Levy Moreno als Gruppenpsychotherapie entwickelt.


Moreno verwendete eine an das Theater angelehnte Idee zum ersten Male zu therapeutischen Zwecken und entwickelte damit eine außerordentlich kreative und wirksame Methode, die zudem nicht auf „kranke“ Menschen ausgerichtet ist, sondern sich an alle Menschen wendet. Neben dem Psychodrama beschäftigte Moreno sich intensiv mit soziologischen Untersuchungen in Gruppen. Er ist Erfinder der Soziometrie, einer Methode, um zwischenmenschliche Strömungen und Tendenzen innerhalb von Gruppen zu untersuchen und messbar zu machen. Morenos therapeutisches Wirken bezog sich nicht nur auf einzelne Gruppen und Individuen, sondern letztendlich auf die gesamte Gesellschaft. Er ging von der Notwendigkeit einer Welttherapie aus. Moreno sah den Menschen von Beginn seiner Überlegungen, als untrennbar verknüpft mit der Mitwelt an.


Jakob Levy Moreno wurde (nach seiner Biographie) während einer Schiffsreise seiner Eltern geboren. Sein Geburtsjahr (entweder 1890 oder 1892) sowie der Tag seiner Geburt sind nicht genau bekannt.


Seine Kindheit verbrachte er in Bukarest. Moreno kommt aus jüdisch religiösem Hause, seine Mutter hat ihm auch Kontakte zu Katholizismus und Aberglaube vermittelt (Sie war Schülerin einer katholischen Klosterschule). In Wien studierte er Philosophie und Medizin. Moreno ist jedoch auch Dichter, Künstler und Mystiker.


Während des ersten Weltkrieges war er als medizinischer Helfer in einem Flüchtlingsheim in Österreich tätig. Die Erfahrungen dort bildeten die Grundlage für seine soziologischen Überlegungen: die Soziometrie. Nach dem Krieg lebte Moreno in Vöslau bei Wien. Dort begann er, sich mit der Rollentheorie und dem Stegreiftheater zu befassen. Er verfasste (etwa 1918) die Schriften „Die Gottheit als Komödiant“ und „Das Testament des Vaters“, in denen er seine Einsichten in die Ursprünge des Lebens festhielt.

Moreno selbst schreibt über eines seiner einschneidenden Erlebnisse:

„Ich fühlte mich wie neugeboren. Ich fing an, Stimmen zu hören. Nicht im Sinne eines psychisch Kranken, sondern im Sinne eines Menschen, der allmählich fühlt, daß er eine Stimme hört, die alle Wesen erreicht... die unserem Leben eine Richtung gibt, die unserem Kosmos eine Richtung gibt..., daß es im Grunde unendliche Kreativität ist. Und in dieser Stimmung äußerster Eingebung eilte ich in das Haus...Ich hatte nicht die Geduld, mich hinzusetzen und aufzuschreiben, deshalb ergriff ich einen roten Bleistift nach dem anderen, ging in das oberste Zimmer ... und begann, all die Wörter auf die Wand zu schreiben“ (Stangier 1997, S.136/137).

 

Moreno benutzte zwei Ebenen, um seine Gedanken schriftlich zu vermitteln: zum einen seine theoretischen Bücher (wobei diese sich in eine Phase, in der Moreno deutsch schrieb, und in eine Phase, in der er englisch schrieb unterteilen lassen) und zum anderen seine Gedichte.


Zu seinen Gedanken über den Kosmos gesellten sich Beobachtungen spielender Kinder im Park, die im Spiel spontan beliebige Rollen übernahmen und sich die passende Umgebung dazu vorstellten. Die Grundideen des Psychodrama entstanden jetzt. In Morenos Haus trafen sich Menschen, um Stegreiftheater zu spielen. Nach Leutz sprach es sich in Wien bald herum, dass dort spontane Veranstaltungen stattfanden (Leutz 1974, S.31). 1922 gründete Moreno das Stegreiftheater.

1925 wanderte Moreno nach Amerika aus, wo er seine Überlegungen über den therapeutischen Effekt des (Theater)Spiels fortsetzte. 1932 führte er den Begriff der Gruppenpsychotherapie ein. 1936 gründete er in Beacon das erste Psychodramatheater. Im gleichen Jahr begann er, die Zeitschrift „sociometric review“ herauszugeben. Er gründete 1941 die „amerikanische Gesellschaft für Gruppen- Psychotherapie und Psychodrama“. Ab 1950 erfolgte die internationale Ausbreitung und Etablierung des Psychodramas. Moreno starb am 14.5. 1974.


II. Moreno,

Das Psychodrama,

Der   Mensch   und

Die Kosmischen Kräfte

„Die greifbaren Kristallisationspunkte dessen, was ich das Ich nenne, sind die Rollen, in welchen es sich manifestiert. Rollen und die Beziehungen zwischen ihnen sind die wichtigsten Erscheinungen innerhalb einer bestimmten Kultur (...)“

(Moreno in Geisler S. 26)


Der Mensch wird mit einer unbekannten Größe, dem Kosmos, in Verbindung gebracht. Er wird nicht z.B. auf das Unbewusste „reduziert“, sondern geöffnet, er bekommt Raum. Der Mensch wird damit als unbestimmbar und undefinierbar angesehen. Dies erklärt auch, warum Moreno das Psychodrama als „Welttherapie“ ansah, denn der Bezug zu den schöpferischen Kräften ist für alle Menschen grundlegend.

 

Dem Psychodrama liegen einige Annahmen Morenos über den Menschen zugrunde:
Als kleinste soziale Einheit nennt Moreno das soziale Atom . Der Mensch ist aufgrund seiner anthropologischen Stellung auf seine Mitmenschen - genauer auf seine Mitwelt (Beziehungsnetz) - angewiesen. Zum sozialen Atom einer Person gehören alle Lebewesen, die mit ihr in einer Beziehung stehen, wobei die Intensität der Beziehung vom inneren Kern des Atoms bis zum Rand hin abnimmt. Das soziale Atom steht in Beziehung mit anderen sozialen Atomen, es ist dynamisch und veränderbar (vgl. Bottenberg 1996, S. 40ff). Das Beziehungsnetz in dem der einzelne lebt ist die kleinste Einheit, nicht das Individuum. Der „kreative Funke “, der vom Zentrum an jeden Punkt im Universum springt, schafft dieses Netzwerk von Beziehungen. (Hutter, S. 24)


Moreno ist der Ansicht, dass es die kleinste Einheit des aus unendlich vielen kleinen, größeren und großen Beziehungsgefügen bestehenden sozialen Universums ist“ (Leutz 1974, S.11). Der Mensch ist „cosmic man“ . Er ist Mikrokosmos. An den Kräften, die den Kosmos bestimmen, kann der Mensch prinzipiell teilhaben. Die beiden grundlegenden Kräfte Kosmos sind Spontanität und Kreativität.

Spontanität

ist eine ungerichtete Kraft, die zur Schöpfung drängt. Eine Art Motor, der die unbändige Kraft zur Entstehung von Neuem bereitstellt. Eine Kraft, die auch Auslöser der Evolution war. „Die Entstehung des Universums ist nur als Manifestation einer unbegreifbaren Spontaneität denkbar“ (Leutz 1974, S. 55).

Kreativität

ist das Formungs- und Gestaltungsprinzip, dass die Kraft in sinnvolle Formen bringt. Spontaneität und Kreativität werden von Moreno als Zwillingskonzept bezeichnet, sie sind Ursprung und Ziel kosmischen Seins. Kreativität als kosmische Kraft lädt den Menschen zur Teilnahme ein. Die Partizipation des Menschen wird als Tiefenkreativität bezeichnet. Der Mensch kann über sich selbst hinauswachsen. Dem Psychodrama liegt eine solche tiefenkreative Sicht des Verhältnisses zwischen Mensch und Mitwelt zugrunde.

Aktion

ist die dritte kosmische Kraft. Sie steht als kosmische Kraft noch vor der Sprache. Aktion ist Handlung. Etwas tun, heißt auch sich bewegen, damit wird der Körper in das Geschehen einbezogen, Aktion wird durch den Körper verwirklicht. Aus diesem Grunde war es für Moreno von vorn herein selbstverständlich, dass er eine Aktionsmethode entwickeln werde. Aktionen sind spontan und kreativ. Sie entstehen und organisieren sich aus sich selbst heraus und können vorher nicht genau geplant werden. Nach Moreno ist die wichtigste menschliche Äußerung das Handeln, die Aktion in die Welt hinein (Prinzip der Begegnung).


Bei den kosmischen Kräften handelt es sich um Größen, denen der Mensch ausgesetzt ist und die sein Wesen bestimmen; sie sind prä-kulturell. In diesen Sinnzusammenhang stellt Moreno den Menschen: „I moved man (people) back into universe“ (Moreno in Leutz 1974, S. 55). Der so ausgestatte Mensch ist Schöpfer und Gestalter seiner Umwelt, sein Regulativ sind die Anderen und die Dinge. Dieser Mensch ist ein Souverän unter Souveränen.

Moreno blickt auf den Augenblick, der in das Erleben hinein führt und zu Entscheidungen und Handlungen führt, dies nennt er „schöpferisch kreativ“ und führt es auf Gott zurück.


Wenn sich das „Ergebnis“ eines kreativen Aktes verfestigt, entsteht eine „Konserve “. Eine Konserve ist „geronnene Kreativität“, d.h. das verfestigte Ergebnis eines schöpferischen Prozesses, z.B., ein Gedanke, eine Maschine, ein Buch usw. (vgl. Leutz S .57). Zur Konserve kann auch ein einschneidendes Erlebnis werden, das das Leben eines Individuums in nicht erwünschter Weise beeinflusst. Die Konserve ist ein zweischneidiger Begriff: einerseits kann Kultur nur durch Konserven entstehen; sie helfen uns, nicht ständig alles neu erfinden zu müssen, d.h. sie ermöglichen und erleichtern das Leben. Andererseits besteht die große Gefahr, sich von Konserven völlig einnehmen zu lassen.

Der ausschließliche Umgang mit Konserven führt nach Moreno zu Entfremdung und Blockaden. Der Mensch weicht vom schöpferischen Prinzip ab, er verliert die Verbindung zum Kosmos, die den gesunden Menschen ausmacht und wird zum Roboter: „Er ist tot. Er ist neutral. Er wächst nicht, er verändert sich nicht“ (Bottenberg/Daßler 1997, S.123). Die Entfremdung, die Moreno schon in den 3Oer-Jahren vorausgesehen hat, lässt sich heute im Verhältnis des Menschen der westlichen Zivilisation zur Mitwelt diagnostizieren; das Verhältnis ist zur Konserve geworden und wird größtenteils durch tote Bilder bestimmt. Die Teilnehmer an den westlichen Gesellschaftsformen sind häufig nicht in der Lage, der Natur schöpferisch zu begegnen, und haben mit Hilfe der Technik einen „Ersatzkosmos“ zwischen sich und die Natur gestellt, der lebendige Natur- und Mitwelterfahrung verhindert. Möglicherweise wird dieser Ersatzkosmos irgendwann einmal für die wirkliche Welt gehalten werden . Die Möglichkeit ist durch neue Entwicklungen der Technik schon heute vorhanden. Im Cyberspace werden bereits Welten und Erlebnisse simuliert, die für die Person, die an den Computer angeschlossen ist, Wirklichkeitscharakter haben. Das Haften an Konserven bezeichnet Moreno als „Kreativitätsneurose“ aber auch als „Roboterisierung“ des Menschen. Eine „Heilung“ kann nur durch die Rückbesinnung auf das „Ganze“ geschehen, d.h. Moreno musste sich ein Verfahren ausdenken, um die ins Stocken geratene Kreativität und Spontaneität wieder fließen zu lassen.


Dabei half ihm die beobachtete Gabe der Imagination, die Moreno in therapeutischen Sinne nutzte. Im Psychodrama sollen verfestigte Strukturen wie z.B. belastende und/oder traumatisierende Erlebnisse, Gedanken usw. durch Nachspielen aus der Konserve befreit werden, um sie neu bearbeiten zu können.

 

Nach Moreno ist jedes wahre zweite Mal die Befreiung vom ersten Mal (vgl. Leutz 1974, S.88).


Es ist möglich, frühere und aktuelle Szenen, während derer sich belastende Gefühle manifestieren, zu „spielen“. Dadurch wird das Gefühl noch mal erlebt, die Person kann aber jetzt mit der Lebenserfahrung eines erwachsenen Menschen anders als früher auf die erlittene Kränkung reagieren und sie so neu erleben, sie de-konservieren (der Begriff Dekonservierung bezeichnet das Auflösen von Konserven) und angemessen mit ihr umgehen. Das Psychodrama geht jedoch über die Bearbeitung von biographischem Konfliktmaterial hinaus und kann auf alle verfestigten Strukturen bezogen werden:

  • Im Psychodrama sollen Kreativität und Spontaneität gefördert werden; Kreativitätsblockaden können, wie schon erwähnt, aufgebrochen werden, so dass sich der Mensch im größeren Zusammenhang des Kosmos wieder fassen kann und die Möglichkeit zu lebendiger Begegnung entsteht.

  • Das Psychodrama erhöht die soziale Kompetenz der beteiligten Personen. Begegnungsfähigkeit kann durch Rollenübernahme und Rollenflexibilität ermöglicht und trainiert werden (vgl. Germershausen 1995, S.4).

  • Das Psychodrama erlaubt eine kreative Beschäftigung mit dem eigenen Selbst und der eigenen Identität. Es können verschiedene Rollen gespielt werden und damit verschiedene Facetten und Anteile der eigenen Person entdeckt und ausgelebt werden. Das eigene Selbst kann im Spiel als Vielheit (d.h. aus mehreren Anteilen bestehend) erlebt werden.

  • Im Psychodrama entsteht eine Sensibilisierung für körperliche Wahrnehmungen, die durch die aktive leibliche Gestaltung der Situation entsteht.

„Gesundes“ und „Krankes“ sind Teile des Ganzen, das Symptom wird zum Schlüssel für die verborgenen seelischen Verletzungen. Auf der Psychodramabühne kann der Protagonist in die Bilder gehen und schöpferisch damit selbst umgehen. (Geisler S. 16). Im Psychodrama ist der Mensch der Akteur seiner eigenen Zustände. Der Mensch kann nunmehr in der Rolle sich selbst gegenübertreten. Die Überwindung der Krise erfolgt im Spiel. Moreno ging von einer Katharsis (= gr. Reinigung) aus, d.h. im Spiel wird eine verfestigte Struktur neu gestaltet, was zu einem reinigenden Höhepunkt führt, der die negativen/verfestigten Gefühle beseitigt. Die Spaltung zwischen dinglich realem Erleben und Vorstellung wird aufgehoben. „Im Psychodrama ist der Mensch dem Erleben nach gleichzeitig Erwachsener und Kind“ (Leutz 1974, S.48). Der Mensch erlangt seine größte Identität, wenn er seinen Platz entdeckt (Geisler S. 6f). Nicht den seines Vaters oder seiner Mutter, sondern seinen eigenen. Im Psychodrama löst er sich von den Vorstellungen seiner Eltern und sucht seinen unverwechselbaren Ort im Kosmos und in der Welt. Der Mensch hat die Möglichkeit diesen Ort schöpferisch und kreativ zu gestalten. Der Mensch erfährt sich und die Welt handelnd und gestaltend, er ist Creator oder Gott in seiner Welt.

Der Mensch ist erfüllt von einem „Willen zum höchsten Wert“ und zu einem Prinzip des „Alles Einschliessens“ (Moreno 1959) und entwickelt sich im Beziehungsnetz zu anderen Menschen und durch Interaktionen mit der sozialen und natürlichen Umwelt. Psychodrama ist also eine Einladung zu einer Begegnung[1], das Individuum kann sich nur im Spiegel der anderen entwickeln und erkennen, auch in seiner Gottesvorstellung ist Gott stets in Aktion – Gottes Wort ist Handeln. Begegnung ist also ein gegenseitiges Wahrnehmen und Zueinanderhandeln in Spontaneität und Kreativität im Hier und Jetzt, denn der Mensch lebt durch seine Beziehungen und Interaktionen und kann diese kreativ gestalten. Im Blickpunkt steht zusammenfassend also nicht das isolierte Individuum, sondern das Individuum mit seinem sozialen Netzwerk und auch die spirituelle Verantwortung mit der das Individuum im Netzwerk steht. Persönliche Identität wird durch Spiritualität, Individualität und soziale Elemente konstituiert. Fehlentwicklungen werden nicht zum Anlass genommen, den Menschen zu verurteilen, stattdessen kann er innerhalb seines Netzwerkes mit Hilfe des Psychodramas über sich Einsicht gewinnen und sich korrigieren. Die menschliche Würde bleibt bestehen oder wird immer wieder hergestellt.


 


Es gibt kein Mittel zwischen mir

ich bin unmittelbar: in der Begegnung.

Ich bin nicht einzig: bloß in der Begegnung,

ob ich ein Gott, ein Narr oder ein Dummer.

Ich bin geweiht, geheilt, gelöst in der Begegnung.

Ob ich das Gras oder die Gottheit treffe“ 


(Moreno in Leutz 1974, S.66).
 

III. Der Jude Moreno und Gott

Moreno war Jude, seine Mutter, eine arme rumänische Jüdin, wurde in einer Klosterschule erzogen, deshalb hatte auch die Kirche für Moreno eine Bedeutung. Mit 16 Jahren wurde sie mit einen frommen Juden verheiratet, sie erzog ihre Kinder in der sephardischen Tradition (Die Sephardim sind Nachkommen der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden).


In seinen Frühschriften hat er sich mit dem Christentum und dem Judentum beschäftigt. Als Moreno in die USA auswanderte „verließ“ er das orthodoxe Judentum, er hat nie wieder eine Synagoge besucht.


Moreno hielt sich für einen Heiler und Heiligen, er wollte heilen und dienen. (Geisler S. 4 ff). Sein Universum war stets von Gott, Engeln und Menschen belebt. Seine Idee stellte er dem Judentum und Christentum gegenüber, er bleibt bis zu seinem Tod ein Frommer, der an einen unendlichen und ewigen Creator denkt. Für das Christentum hegte er  eine tiefe Hochachtung, er hat das Christentum als eine „geniale psychotherapeutische Methode“ bezeichnet. Für Moreno war das Christentum aber nur ein Zwischenschritt zu etwas viel Größerem, das noch kommen wird[2]. Für ihn sind in Gott alle Teile noch verbunden, er ist das Ordnungsprinzip, erst durch die Schöpfung erfolgt die Trennung. Er sagt, Gott hat sich den Menschen und die Welt zur Begegnung mit sich selber geschaffen.

Gott und seine Eigenschaften sind nicht zu trennen, seine Handlungen und seine Werke ist er selber. Unter den Menschen sind getrennt, kommen aber im Miteinander, in Gruppen, vor. Je mehr Gruppenaktivität, um so mehr Gott in der Gruppe.„Wenn Jesus wiederkommt, kommt er als Gruppe“ (Moreno in Geisler S. 19)
 
 
Nach Morenos Ansicht liegt unsere geistige Krise darin, dass wir jahrhundertelang nur noch den Gott nach dem siebten Tag der Schöpfung in Betracht gezogen haben und den Creator in seiner unerschöpflichen Kreativität aus den Augen verloren haben. Es ist der schöpferische Weltprozess in der wir alle einbezogen sind. (Leutz S. 57)
 
„Noch herausfordernder ist jedoch die Wandlung des Du-Gottes zum Ich-Gott, der alle Verantwortung auf uns legt. Gott ist nicht tot, er lebt im Psychodrama“ (Moreno 1978 in Geisler S. 24)
 
Der Monotheismus der frühsemitischen Religionen ist ein Versuch zur Bestimmung der eigenen Identität durch Abgrenzung zu verstehen: Hier der Mensch, dort der unerreichbare Gott, der Schöpfergott Jahwe (Moreno nennt ihn den Er-Gott) (Leutz S. 70 ff)

 

Der ferne Er-Gott wird in Christus zum Gott-Menschen, einem für das Gefühl erreichbaren „Du-Gott“. Durch die Begegnung mit ihm vermag der Mensch seinem Schicksal innerhalb des Weltenprozesses einen besonderen Sinn zu geben.


Moreno schreibt, dass durch individuelle Entwicklung eine zunehmende Annäherung an die eigene Identität zustande kommt. Mit ihr nimmt auch die Distanz zu Gott ab.
 
In beiden Formen der Religiosität stellt sich das menschliche Bewusstsein jedoch Gott gegenüber. Die Aufspaltung des kreativen Weltprozesses in Gott auf der einen Seite und den Menschen auf der anderen Seite zieht sich seither als Riss durch den Kosmos.


Moreno geht es um die Überwindung dieser Gegenüberstellung von Mensch und Gott, er betrachtet die menschliche Kreativität nicht getrennt von der kosmischen. Er postuliert eine Weiterentwicklung vom „Du-Gott“ zum „Ich-Gott“.

Moreno trennt den Menschen von der Vaterreligion. Gott fordert den Menschen auf, ihn nicht mehr als jenseitigen Gott anzusprechen, sondern als „Ich-Gott “ in sich und seinen Mitmenschen wahrzunehmen, in denen Gott (der kreative Weltprozess ) sich selbst begegnet. Das Unendliche bildet sich im Endlichen ab, wenn der Mensch ganz er selber ist, ist er Gott gleich.

 

Der Ich-Gott ist der Mensch, der diesen Rollentausch vollzogen hat und dadurch in der Lage ist, die Verantwortung, die aus der Begegnung mit der Gottheit erwächst, zu übernehmen. (Hutter, S. 326)

 

Deutlich kommt seine Auffassung von sich begegnenden Gott im folgenden Gedicht zum Ausdruck:


O liebes Kind, mein Kindlein,
O sieh dir meine Augen an,
Ob meine Augen nicht die deinen Augen sind.
 
O liebes Kind, mein Kindlein,
So hör dir meine Ohren an,
Ob meine Ohren nicht die deinen Ohren sind.
 
O liebes Kind, mein Kindlein,
So küss dir meine Lippen an,
ob meine Lippen nicht die deinen Lippen sind.
 
O liebes Kind, mein Kindlein,
So sieh dir deine Kindlein an,
Gezeugt von dir,
gestillt von dir,
geherzt von dir,
Ob meine Kindlein nicht die deinen
Kindlein sind

In der doppelten Entfremdung des Menschen, von seinem kosmischen Seinsgrund und von seinen Mitmenschen, erblickt Moreno die größte Bedrohung des Fortbestehens der Menschheit und die eigentliche Aufgabe von einer weltweiten Therapie.
 
Moreno meint, der Mensch werde seiner schöpferischen Aufgabe gerecht, indem er seine Spontaneität und seine Kreativität zur persönlichen Entwicklung nutzt.

Kreativität und Schöpferkraft sind synonym, Moreno denkt einen spontanen und schöpferischen Menschen, der in voller Verantwortung im Zusammenwirken mit Mitmenschen Schöpfer ist, denn Moreno denkt sich den Menschen als Gottes Ebenbild. (Geisler S. 19)

 

Psychodrama befähigt den Menschen schöpferisch in seine Umwelt gestaltend einzugreifen. Für Moreno liegt hier der Ansatz für die Erneuerung der Welt. 


Die Zukunft sieht Moreno also in der bewussten Integration des Menschen in den kreativen Weltprozess in das bewusste menschliche Handeln. Gott wird vom Jenseits herübergeholt in die Gegenwart, in das Selbst, in das Ich eines jeden Menschen.

Morenos Gedicht aus „Testament des Vaters“ (Leutz S. 64), Gott, der Vater des Kosmos spricht[3]:


Das bin Ich
dort wie hier
Das bist du:
ein ich von mir

Ein weiteres Gedicht[4], das den Menschen aktiv in die kosmische Weiterentwicklung einbezieht:


Heilig wirst du allein,
Ich, der alle gebar,
Muß von allen getan sein


IV.Moreno, das Christentum und unser Verhältnis zu ihm

Für das Christentum hegte Moreno eine tiefe Hochachtung, aber für ihn war das Christentum aber nur ein Zwischenschritt zu etwas viel Größerem, das noch kommen wird. Wie stehen wir als haupt- und ehrenamtliche kirchlich engagierte Christen zu Moreno und seinen Visionen des Psychodramas?
 
Der Mönch Evagrius Ponticus (+ 399) hat folgenden Sätze vor ca. 1600 Jahre geschrieben und erkannt, dass der Mensch Hilfe bei der Suche nach sich selbst und Gott benötigt:

„Es genügt nicht, dass der Mensch durch asketische Anstrengungen sich diszipliniert und dass er ohne Unterlas betet, er muss noch in den Tiefen seines Geistes umgewandelt werden, wo sich in den letzten Winkeln seines Seins für die Außenwelt unerreichbare unbewusste Bilder verbergen. Er muss sie zu erreichen versuchen auf seit langem in Vergessenheit geratenen Bahnen, die aber immer noch die Haltungen und Wege des Menschen beeinflussen können. Erst wenn diese Bilder gesund und ganz geworden sind im ursprünglichen Licht der Kontemplation, das des ganzen Menschen Geist zu durchdringen vermag, ist das Werk er Erlösung und Vervollkommnung getan“


Kann Psychodrama ein Aspekt für eine solche Hilfe sein und wie sieht unser Selbstverständnis als (zukünftige) christliche Psychodramaleiter aus?

Fußnoten:
[1] Moreno unterscheidet verschiedene menschliche Beziehungsformen, wobei die Begegnung für ihn einen besonderen Platz einnimmt. Durch eine Begegnung entsteht eine Form, die Moreno Tele nennt. Sie ist durch ein liebendes Miteinandersein gekennzeichnet. Die Personen sind in der Lage, sich realitätsgerecht auseinanderzusetzen; es entsteht eine Beziehung, die weder zu falschen Erwartungen noch zu ungerechtfertigten Ängsten Anlass gibt.
[2] Ein interessanter Ansatzpunkt für die Frage von unserem Verhältnis als evangelische und katholische (angehende) Psychodramaleiter zu Aspekten von Morenos Visionen!
[3] Morenos Gefühl der überindividuellen Teilnahme an der Welt kommen hier zum Ausdruck[3] (z.B. das Kind übernimmt spielend die Rolle der Mutter und ist erstmals im Stande, von dieser Rolle der Mutter aus, gleichsam aus innerer Distanz, sich von außen her zu erleben. Es erfährt die vollständige Umkehr der Identitäten) (Leutz S. 64). Der Mensch kann nunmehr in der Rolle sich selbst gegenübertreten
[4] Der Akzent liegt auf dem überindividuellen Sein. Das Ich wird nicht entwichtigt, sondern ganzheitlich in die kosmische Interaktion einbezogen.

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